v. l. n. r.: erste Reihe: Schauspieler des Theaters, Akkordeonistin Cordula Sauter; zweite Reihe: Landesbischöfin Heike Springhart, Theaterintendant Edzard Schoppmann, Regisseurin Diana Zöller, Kirchenvorstandsvorsitzender Benedikt Steinhauser und Pfarrer Moritz Martiny

[28.01.2026]
Gengenbach. (vg) Die evangelische Kirche in Gengenbach war bis auf den letzten Platz gefüllt, als sich am 27. Januar Menschen aus der Region versammelten, um am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust innezuhalten. Im Mittelpunkt stand die Verleihung der Hermann-Maas-Medaille, einer Auszeichnung, die seit 1994 alle vier Jahre an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben wird, die sich im Sinne des evangelischen Theologen Hermann Maas für Verständigung, Versöhnung und den interreligiösen Dialog einsetzen. In diesem Jahr ging die Medaille an das deutsch-französische Theater Eurodistrict BAden Alsace – für eine Arbeit, die Erinnerung nicht museal bewahrt, sondern lebendig hält.

Schon zu Beginn wurde spürbar, warum. Ein Ausschnitt aus der Inszenierung von „Das Tagebuch der Anne Frank“ ließ die Kirche still werden. Die Worte des jüdischen Mädchens, geschrieben im Versteck, getragen von Hoffnung und Angst zugleich, hallten lange nach. Dazu erfüllte das virtuose Akkordeonspiel von Cordula Sauter die Kirche mit vollen, warmen Klängen und prägte die Atmosphäre des Abends.

Landesbischöfin Heike Springhart würdigte in ihrer Laudatio ein Theater, das Haltung zeigt. Grußworte kamen unter anderem von Volker Schebesta, Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, sowie von Gengenbachs stellvertretendem Bürgermeister Achim Fuchs. Doch es waren weniger die formalen Reden als vielmehr der gemeinsame Grundton des Abends, der blieb: die Verantwortung der Gegenwart.

Die Jury begründete ihre Entscheidung klar. Das Theater setze mit seinen Inszenierungen ein Zeichen für die Versöhnung der Religionen. Besonders die Arbeit mit jungen Menschen – begleitet von Theaterpädagogen, häufig direkt an Schulen – verleihe der Erinnerungskultur eine besondere Kraft. Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen erhoffe man sich von der Auszeichnung eine größere Strahlkraft dieser Form der historischen Vermittlung.

Theaterintendant Edzard Schoppmann nahm die Medaille sichtbar bewegt entgegen. Sein Haus verstehe sich seit der Gründung vor 20 Jahren als „Theater der Grenzgänger und Brückenbauer“. Zunächst zwischen Deutschland und Frankreich, heute weit darüber hinaus: zwischen Kulturen, Nationen und Religionen. „Europa wird in den Regionen gelebt. Nicht nur in Brüssel, Paris und Berlin entsteht Europa. Nein, Europa muss sich in den Grenzregionen beweisen“, so Schoppmann. Mehr als 10.000 Kinder, Jugendliche und Familien erreiche das Theater jedes Jahr mit meist bilingualen Produktionen.

Warum Anne Frank? Schoppmann fand dafür klare Worte. Der Auslöser für die Inszenierung sei der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober und die darauffolgenden Ereignisse gewesen – der eigentliche Grund aber liege tiefer. Seit Jahren beobachte man einen wiedererstarkenden Antisemitismus, belegt durch Zahlen, spürbar im Alltag. „Man kann dieses ‚Nie wieder‘ nicht oft genug sagen“, sagte Schoppmann. „Immer wieder. Wieder und wieder, bis es verstanden wird.“ Mit Anne Franks Tagebuch wolle man genau das sagen: dass jüdisches Leben geschützt werden muss – hier, heute, ohne Wenn und Aber.

Mit der Inszenierung wolle man keine politischen Lager bedienen. Das Stück sei Anklage und Mahnung – aber auch ein leidenschaftliches Plädoyer für jüdisches Leben und jüdische Kultur hier bei uns. Gerade Deutschland, so Schoppmann, trage eine besondere Verantwortung der Zurückhaltung und der Selbstreflexion. Über die Auszeichnung mit der Hermann-Maas-Medaille und das damit verbundene Preisgeld von 2.500 Euro zeigte sich Schoppmann tief bewegt. Die Medaille sei für das Ensemble „eine tief berührende Bestätigung unserer Arbeit“.

Die Hermann-Maas-Medaille erinnert an einen Mann, der schon früh erkannte, dass Versöhnung kein Zustand, sondern eine Aufgabe ist. Hermann Maas, 1877 in Gengenbach geboren, setzte sich bis zu seinem Tod 1970 für die Verständigung zwischen Juden und Christen ein – auch dann, wenn es gefährlich war.

An diesem Abend schien sein Vermächtnis greifbar. In einer jungen Stimme, die Anne Franks Worte sprach. Und in der Hoffnung, dass Erinnerung – wenn sie ernst genommen wird – die Kraft hat, Gegenwart zu verändern.

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