Roland Saurer, Sprecher der Landesarmutskonferenz. Foto: Gerd Baumer

[03.02.2026]
Ortenau. Ein Thema, das viele betrifft und doch oft verdrängt wird, stand im Mittelpunkt der ersten Vorstandssitzung 2026 des Kreisseniorenrates: die Altersarmut. Als Gastredner beleuchtete Roland Saurer, Sprecher der Landesarmutskonferenz BW, die Lage – bundesweit und mit Blick auf den Ortenaukreis. Seine Botschaft war klar: Die Entwicklung ist ernst, die Zahlen sind hoch, und die Ursachen sind vielfältig.

Saurer erinnerte daran, dass rund 20 % der Gesamtbevölkerung von Armut oder Armutsgefährdung betroffen sind. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 % des mittleren Einkommens zur Verfügung hat – derzeit etwa 1250,- €. Unterschieden wird dabei zwischen extremer Armut, die mit fehlender Nahrung, Kleidung und Obdach einhergeht, und relativer Armut, also sogenannter Sozialhilfearmut sowie soziokultureller Armut bei Bürgergeldempfängern. „Harte Armut“ komme vor allem in Süd- und Osteuropa vor, so Saurer.

Steigende Zahlen bei der Grundsicherung

Besonders eindrücklich waren die aktuellen Befunde zur Situation älterer Menschen. Laut Nachrichtenagentur AFP von Anfang Januar dieses Jahres gelten rund 3,7 Millionen Rentner als armutsbedroht – das entspricht etwa 21 % aller Rentner. Die überwiegende Mehrheit davon sind Frauen. Mit 48 % des Bruttolohnes liege Deutschland zudem 10 % unterhalb des EU-Durchschnitts. Die durchschnittliche Rentenhöhe betrug 2021 1327,- Euro bei Männern und 861,- Euro bei Frauen.

Reicht die Rente nicht aus, kann Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch XII beantragt werden – etwa 560,- Euro für den Haushaltsvorstand, Gleiches gilt für erwerbsunfähige Personen. Doch, so Saurer, rund 30 % der Rentner stellen keinen Antrag und „schlagen sich so durch“. Als zentrale Treiber der aktuellen Entwicklung nannte er unter anderem die Mietenexplosion, gestiegene Energiekosten und insgesamt hohe Lebenshaltungskosten.

Der Blick in die Zukunft stimmt wenig optimistisch: Internationale Krisen, globale Verunsicherung, Sondervermögenspolitik und eine wachsende Ungleichverteilung führten zu einer zunehmenden Spaltung zwischen Arm und Reich. Hinzu kämen gesellschaftliche Faktoren wie mehr alleinerziehende Haushalte und höhere Scheidungsquoten, die das Risiko von Armut weiter erhöhen.

Was die Ortenau unternimmt

Im Ortenaukreis gibt es jedoch auch konkrete Gegenmaßnahmen. Das Land Baden-Württemberg versucht, dem Thema durch Quartiersentwicklung in den Kommunen mehr Gewicht zu geben. In Offenburg wurden an einem Runden Tisch acht Projekte mit insgesamt 25.000 Euro gefördert, die mit praxisnahen Ansätzen Betroffene zu Beteiligten machen sollen.

Auch die Tafelläden im Ortenaukreis verzeichnen eine wachsende Zahl Bedürftiger und leisten nach Einschätzung der Beteiligten kreisweit wichtige Arbeit, um Armut abzufedern. Der Ortenaukreis selbst setzt seit vielen Jahren als „Optionskommune“ auf dezentrale Lösungen und gehört damit zu einhundert Jobcentern in Deutschland, die diesen Weg gehen. Ziel sind „vor Ort-Lösungen“ für Arbeitssuchende und Arbeitgeber.

Auf die Frage des Vorsitzenden Gerd Baumer bezeichnete Roland Saurer dieses Modell als erfolgreich, weil der kurze Dienstweg zwischen Amt für Soziales und Versorgung und der Kommunalen Arbeitsförderung zügigere Lösungen ermögliche. Ergänzend verwies er auf digitale Angebote: Im Jobcenter finde man in einer App (integraete.app) Erstinformationen in vielen Sprachen und könne Anträge im Ortenaukreis einsehen.

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